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Zimmermann (35) – Untot [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 31. Oktober 2017 with No Commentsas , , , , , , , , , , , , , , , ,

Untot

Dienstag, 31. Oktober 2017

Es war früher Morgen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Dunkelheit herrschte über den Straßen Deilinghofens. Nur hin und wieder kam ein Fahrzeug die Straßen entlang, denn im Kalender stand auch der Reformationstag – zum 500. Mal – ein einmaliger arbeitsfreier Tag in diesem Jahr.
Hin und wieder schlichen Katzen und andere kleine Wildtiere von einem Grundstück zum nächsten. Und dann waren da noch drei dunkle Gestalten – offensichtlich drei Männer – die sich an einem Laternenmast im Herzen des Dorfes zu schaffen machten.
Einer von ihnen trat kurz und kräftig gegen den Masten, worauf das Licht der Laterne augenblicklich erlosch. Der zweite nahm seinen Rucksack vom Rücken und der dritte sackte, scheinbar ohnmächtig und keiner willentlichen Bewegung mehr fähig, in sich zusammen.
Was im Verlauf der nächsten Vierstunde geschah, blieb vorerst im Dunkel der Nacht verborgen. Niemand bekam mit, was an diesem Morgen vor sich ging – bis die Sonne den Tag eroberte.

Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachte Deilinghofen aus seinem Dornröschenschlaf. Einzelne Bürger verließen ihre Häuser und machten sich auf den Weg zum Bäcker. Doch schon vor dem kleinen Einkaufszentrum an der Europastraße stockte ihnen der Atem.
An einer der Laternen war etwas nicht normal – ganz und gar nicht normal. In mehreren Metern Höhe hing ein lebensgroßer Zombie, der einem echten Untoten ziemlich ähnlich sah.
Dem einen oder anderen drehte sich augenblicklich der Magen um, andere bekamen Angst. Doch die meisten erinnerten nach dem ersten Schrecken daran, dass heute eben kein normaler Tag war. An Halloween war so manches anders, und seit die schaurigen Dinge dieses Festes aus Amerika nach Deutschland geschwappt waren, musste man einen ganzen Tag lang mit wirklich üblen Scherzen rechnen. Waren es im letzten Jahr noch Horrorclowns, die hinter jeder Ecke lauern konnten, waren es dieses Jahr offensichtlich lebensechte Figuren, die einem Horrorfilm entsprungen sein konnten.
Nach dem ersten Schrecken konnten die meisten Deilinghofer bereits über diesen Scherz lachen. Schnell sprach sich die ungewöhnliche Straßendekoration in der Stadt herum. Erste Fotos fanden den Weg in die sozialen Netzwerke. Über Facebook verbreitete sich die Nachricht in Windeseile und lockte immer mehr Schaulustige aus den umliegenden Stadtteilen und Orten an. Selbst die Polizei rückte irgendwann an, um nach dem Rechten zu sehen. Doch der Umstand, dass Halloween gefeiert wurde, ließ sie wieder zurück zur Wache fahren. Es reichte ihnen aus, das Objekt des Anstoßes einen Tag später zu entfernen.

Der Tag zog vorüber, die Schaulustigen ebenfalls. Mit dem Abend zogen sich die einen aufs Sofa zurück. Andere trafen sich in ihren Kirchen und Gemeindezentren zur Andacht am Reformationstag. Die Feierwütigen veranstalteten in den heimischen Wohnungen oder Kneipen Halloweenpartys.
Je dunkler es wurde, umso schauriger wurden die Gestalten auf den Straßen. Der einsame Untote am Laternenmast bekam äußerst lebendige Gesellschaft, die unter ihm vorbei zog.
Zwei von ihnen waren Maik und Michael. Der eine hatte sich vor seinem Spiegel in einen Vampir, der andere in eine Mumie verwandelt. Schon vor dem Weg zur nächsten Party hatten sich ordentlich vorgeglüht. Entsprechend groß war der Übermut.
»Ey, Mann.«
Maik schlug seinem Kumpel kräftig von hinten gegen die Schultern. Fast wäre Michael die graue Schminke aus dem Gesicht gefallen.
»Pass doch auf, Alter. Willst mir alle Knochen brechen?«
»Stell dich nicht so an. Du bist doch kein Zombie, der schon von allein auseinander fällt.«
Michael sah nach oben.
»Ich nicht, aber der da oben.«
Maik blieb stehen und dachte kurz nach.
»Was hälst du davon, wenn wir uns einen Scherz mit den Mädels erlauben? Wir holen den Zombie von da oben runter und bringen ihn einfach mit zur Party. Das gibt bestimmt einen riesigen Schrecken, wenn der plötzlich im Sessel sitzt.«
Sie gingen ihren Weg zurück und holten aus Maiks Garage eine große Leiter. Diese lehnten sie kurz darauf an den Laternenmast und holten den Zombie herunter.
»Verdammt.«, stöhnte Michael. »Hätte nicht gedacht, dass so eine Puppe so schwer sein könnte. Die könnte sogar mehr wiegen als ich.«
Sie nahmen ihren neuen Freund zwischen sich und trugen ihn ein paar Meter weit. Dann kam Maik aus dem Rhythmus, stolperte und zog die anderen zwei mit sich zu Boden.
Maik landete unsanft auf dem Asphalt. Der Zombie auf seiner Brust. Michael kam neben den beiden zu liegen.
»Zieh ihn weg. Scheiße, Mann, nimm den Zombie von mir.«
Maik bekam Panik. Es war nur eine Puppe, die auf ihm lag, aber sie fühlte sich so verdammt echt an.
Michael stand wieder auf und griff der Puppe in die Seiten. Doch statt ordentlichen Halt zu finden, verschwand eine seiner Hände in ihrem Körper.
»Da … das … Scheiße!«
Er musste nach Luft schnappen. Michael ließ den Zombie wieder auf Maik fallen und übergab sich.
»Das ist keine Puppe, Alter. Das ist ein scheiß Toter. Der ist sowas von echt. Und ich hatte auch noch meine Hand in seinem stinkenden Körper.«
Er übergab sich ein weiteres Mal, während sich Maik panisch unter dem Zombie heraus wand.
»Was machen wir denn jetzt nur?«, wimmerte Michael.
»Weiß ich doch auch auch nicht. Mann, was ist, wenn der mich gebissen hat. Was, wenn ich Morgen als Zombie aufwache und dir das Gehirn wegfresse?«
»Wir müssen was tun!«

Eine Stunde später klingelte ein Handy in einem deilinghofer Wohnzimmer.
»Ja?«, meldete sich Kommissar Zimmermann mit einer ziemlich brummigen Stimme.
»Es hat einen Mordfall gegeben. Ich bin bereits auf dem Weg. Ich hole sie in zehn Minuten ab.«
»Bringen sie Kaffee mit!«

Mittwoch, 01. November 2017

Es war noch tief in der Nacht. Die Geisterstunde lag zwar schon etwas in der Vergangenheit, aber bis zum Sonnenaufgang würden noch einige Stunden vergehen.
Kommissar Zimmermann saß brummig auf dem Beifahrersitz des Dienstwagens. Hatte ihn sein Assistent Inspektor Schmidt tatsächlich mit einem billigen Filterkaffee aus seiner heimischen Küche abgespeist.
»Chef, sie sollten vielleicht auch aussteigen. Wir sind am Tatort und die Kollegen sind auch froh, wenn sie wieder ins Bett gehen können.«
Zimmermann ließ das Fenster herab und beugte sich leicht nach draußen.
»Und sie sollten sich endlich mal einen Kaffeevollautomaten oder wenigstens eine Maschine für Pads oder Kapseln kaufen. Ich sitze hier und muss mich um diese Zeit über einen lächerlichen Filterkaffee ohne Aroma ärgern. Das kann nicht ihr Ernst sein.«
Er ließ das Fenster wieder hoch, nippte an seinem Becher und verzog vor Ekel das Gesicht.
»Was für eine beschissene Nacht. Und dieser Kaffee kann es nicht wirklich besser machen.«
Der Kommissar verließ den Wagen, warf den Becher in die nächstbeste Ecke und gesellte sich zu Schmidt.
»Das war der Lieblingsbecher meiner Frau.«, kommentierte der Inspektor betrübt.
»Macht nichts. Bei so einem miesen Gebräu hat sie den Becher bestimmt noch nie benutzt.«
Zimmermann nahm das Flatterband vor sich hoch und näherte sich dem Tatort.
»Also, worum handelt es sich hier?«
Schmidt holte seinen Notizblock aus der Tasche, blätterte ein paar Seiten durch und überflog schnell die wenigen Stichpunkte, die er sich bereits aufgeschrieben hatte.
»Die Tat muss mindestens vierundzwanzig Stunden zurückliegen. Heute Morgen hing diese Leiche noch da oben am Laternenmast. Unbekannte hatten sie in der letzten Nacht dort aufgehängt.«
»Und warum werden wir erst jetzt gerufen? Kann doch nicht sein, dass niemandem ein Toter auffällt.«
»Das ist sogar sehr vielen Leuten aufgefallen. Die Kollegen der Frühschicht waren auch vor Ort. Aber die ganze Maskerade als Zombie hat jeden glauben lassen, dass es sich um eine Puppe und damit um einen bösen Halloweenstreich handelt.«
»Und wann hat sich diese Ansicht geändert?«
»Das war dann heute Nacht. Zwei Betrunkene waren von einer Party auf dem Weg nach Hause und hatten die glorreiche Idee, den Zombie von da oben runter zu holen. Einer von ihnen griff beherzt zu. Seine Hand verschwand durch eine Schnittwunde in der Seite und hielt daraufhin ein paar Organe zwischen den Fingern. Ziemlich eklig, wenn sie mich fragen.«
Zimmermann seufzte laut. »Nicht so eklig, wie der Kaffee, den sie mir angedreht haben. Aber ich will mich nicht beschweren.«
Er bückte sich und zog einen Kugelschreiber aus der Innentasche seines alten, verschlissenen Mantels, der schon bessere Tage gesehen hatte. Damit hob er hier und da die Klamotten der Leiche an, um sich ein besseres Bild von der Situation zu machen.
»Hat schon jemand die Leiche genauer unter die Lupe genommen und untersucht?«
»Bis jetzt noch nicht. Die Kollegen von der Spurensicherung und der Pathologe sind noch auf dem Weg hierher. Die Kollegen von der Streife hatten die Anweisung, nichts anzufassen.«
»Sehr gut. Dann können wir uns also die Finger schmutzig machen.«
Der Kommissar umrundete die Leiche immer wieder, sah hierhin und dorthin.
»Alle Achtung. Das muss ich neidlos zugestehen. Die Täter, ich gehe davon aus, dass es mehrere gewesen sind, haben ganze Arbeit geleistet. Wer gibt sich schon so viel Mühe, aus einem Toten einen Zombie zu machen? Allein das Herrichten der Kleidung und das Schminken von Gesicht und Händen muss viel Zeit gekostet haben. Das alles nur, um ihn hier an der Laterne aufzuhängen.«
Zimmermann griff völlig unerwartet und beherzt in die Seite des Zombies und brachte ein blutiges Organ zum Vorschein.
»Mein Gott, Chef, was machen sie denn da?«, war Schmidt entsetzt, der den Kommissar noch nie so erlebt hatte.
»Sie tragen nicht mal Handschuhe. Sie kontaminieren die Leiche.«
»Leber. Lecker! Legen sie mir die noch auf Eis? Angebraten mit ein paar Zwiebeln besonders köstlich. Hat meine Mutter früher regelmäßig gemacht.«
Schmidt verstand die Welt nicht mehr. Was war nur in Zimmermann geraten. Stieg ihm die späte Stunde und der schlechte Kaffee zu Kopf?
»Was regen sie sich denn so auf, Schmidt? Mögen sie keine Schweineleber?«
»Schwein? Aber wie?«
Zimmermann seufzte. »Sie sollten mal ein Praktikum in der Gerichtsmedizin absolvieren. Dann könnten sie Schweine- und Menschenleber voneinander unterscheiden.«
Er stand auf und lachte.
»Das ist der beste Halloweenscherz, den ich je erlebt habe. Lebensechte Puppe, angefüllt mit Tierinnereien. Wirklich gut. Das tröstet mich auch über den schlechten Kaffee weg.«
Er ging grinsend zum Dienstwagen zurück.
»Was eine tolle Nacht. Hätte ich eine Kamera dabei, würde ich mir ein Foto von ihrem Gesicht machen, Schmidt. Das würde sich im Büro an der Wand richtig gut machen. Und jetzt bringen sie mich wieder nach Hause. Ich habe noch ein paar Stunden Schlaf vor mir.«

(c) 2017, Marco Wittler