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Zimmermann ermittelt (31) – Prosit Neujahr [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 4. März 2017 with No Commentsas , , , , , , , , , , , , , , ,

Prosit Neujahr

»Fünf … vier … drei … zwei … eins … Prosit Neujahr!«, sagte der Moderator im Fernsehen.
Kommissar Zimmermann hob sein Sektglas und stieß mit seinem Kollegen Inspektor Schmidt und dessen Familie an.
»Und? Sind sie jetzt überzeugt, dass es richtig war, meiner Einladung zu folgen? Sie haben Spaß. Das sehe ich ihnen an.«
Zimmermann lächelte verlegen. Wochenlang hatte er die Einladung immer wieder abgelehnt. Immer wieder wollte er die Jahreswende allein verbringen. Er hatte sich raus reden wollen. Aber niemand nahm ihm ab, dass er in der Silvesternacht im Büro Akten sortieren würde. Er hatte sich schließlich in sein Schicksal gefügt.
»Ausnahmsweise muss ich ihnen Recht geben.«, antwortete Zimmermann verlegen. »Ich kann mir ein paar Zeitvertreibe vorstellen, die nicht ganz so angenehm wären. Ich wünsche allen ein erfolgreiches, neues Jahr.«
Ein paar Minuten später zogen sie ihre Winterjacken an und begaben sich nach draußen in die Nacht.
Der Himmel über der hemeraner Innenstadt war bereits hell erleuchtet. Aus jeder Richtung stiegen Raketen in die Nacht und explodierten in allen Farben des Regenbogens.
Der Kommissar griff nach seinem Rucksack und holte ebenfalls Feuerwerkskörper hervor. Bevor er den ersten davon entzündete, dachte er noch einmal über die vergangenen zwölf Monate nach.
»Es war ein turbulentes Jahr. Wir hatten viele Höhen und Tiefen. Hoffen wir, dass 2017 ruhiger wird. Ich habe nichts dagegen, spannende Fälle zu lösen, aber ein paar davon gingen wirklich unter die Haut.«
Er hielt sein brennendes Sturmfeuerzeug an die Zündschnur einer Rakete und trat dann ein paar Schritte zurück.
»Und hoffentlich werde ich nicht mehr so oft selbst in Mitleidenschaft gezogen.«, fügte er leise hinzu, dass es die anderen nicht hören konnten.

Noch immer wurde laut geknallt. Der größte Teil der verkauften Feuerwerkskörper war schon abgebrannt, aber ein paar Bürger bekamen noch immer nicht genug. Zimmermann hatte sich gerade hinter dem Steuer seines Wagens niedergelassen und wollte den Heimweg antreten, als sein Diensthandy klingelte.
Er nahm das Gespräch an, meldete sich kurz mit Namen und hörte dann ein paar Minuten lang wortlos zu.
»In Ordnung.«, antwortete er schließlich. »Wir sind gleich da.«
Er legte auf und stieg seufzend wieder aus dem Wagen.
»Hat wohl nicht geklappt. Der Wunsch nach etwas mehr Ruhe hat nur kurz gehalten.«
Er klingelte an Schmidts Tür.
»Schmidt? Ich hoffe, sie liegen noch nicht im Bett. Es gibt Arbeit.«

»Ich hasse diese Bereitschaftsdienste an Feiertagen.«, beschwerte sich der Inspektor, während er den Dienstwagen in die hemeraner Innenstadt lenkte.
Zimmermann hingegen grinste. »Dann haben wir wenigstens noch was zu tun, bevor es ins Bett geht. Ist doch alles halb so wild. Wie gut, dass sie nur ein Glas Sekt getrunken haben. Ich hätte mit meinem halben Dutzend Biere nicht mehr hinter’s Steuer gekonnt.«
Schmidt rümpfte die Nase. Als wenn der Kommissar jemals selbst zu einem Einsatz gefahren wäre.
»Worum geht es überhaupt?«
»Um Viertel vor Zwölf wurde ein Wohnungsbrand in einem Hochhaus gemeldet. Die Kollegen von der Feuerwehr sind noch beschäftigt. Wir sollen aber, sobald die Löscharbeiten abgeschlossen sind, die Ermittlungen zur Brandursache aufnehmen. Nicht gerade eine Traumaufgabe, aber zumindest etwas zu tun.«
Schmidt seufzte. Wie gerne würde er jetzt in seinem Bett liegen und langsam zu schnarchen beginnen.
Ein paar Minuten später hatten sie die Kreuzung zwischen Haupt- und Hönnetalstraße erreicht. Der Inspektor steuerte langsam an den Löschfahrzeugen vorbei und parkte am alten Amtshaus. Von dort aus hatten sie auch sofort einen guten Blick auf die Ruß geschwärzten Fenster der ausgebrannten Wohnung, die von Flutlichtern der Feuerwehr angestrahlt wurden.
»Ist wohl nicht viel übrig geblieben von der Wohnung.«, vermutete Zimmermann. »Bringen sie schon mal in Erfahrung, ob es Personenschäden gibt. Und dann brauche ich noch einen Becher …«
Er sah auf seine Armbanduhr, erinnerte sich wieder, dass er sich in der Neujahrsnacht befand und seufzte.
»Verdammte Feiertage. Verdammte Nachtbereitschaft. Woher soll ich denn jetzt einen Kaffee bekommen? Einsätze ohne Kaffee machen keinen Spaß.«
Der Inspektor kehrte nach ein paar Minuten zurück. Auf seinem Notizblock standen bereits die wichtigsten Eckdaten zum Brand.
»Die Wohnung stand glücklicherweise leer. Zumindest laut Aussage der Nachbarn, die sich alle selbstständig in Sicherheit bringen konnten. Lediglich auf dem Balkon waren einige Materialien gelagert, die ebenfalls gebrannt haben. Die Feuerwehr ist aktuell noch in der Wohnung und wartet noch eine Weile ab, falls ein paar Glutnester die Löscharbeiten überlebt haben. Wir können das Gebäude aber schon betreten.«
Sie stiegen die Treppe hinauf. Mit Taschentüchern versuchten sie, den Brandgeruch abzuwehren. Überall waren die Wände schwarz verfärbt. Der Boden war durch Wasser und Löschschaum rutschig geworden. Langsam tasteten sie sich voran, warfen zunächst nur kurze Blicke in die einzelnen Räume, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dann gingen sie hinaus zum Balkon. Hier lagen diverse Überreste von verbrannten Müllbeuteln und Farbeimern – offensichtlich Renovierungsabfälle der ehemaligen Mieter..
»Viel ist davon ja nicht übrig geblieben.«
Schmidt schob ein paar der Säcke mit dem Fuß zur Seite, bis er gegen einen anderen Schuh trat.
Er stockte in seiner Bewegung. Dann bückte er sich langsam und hob den Müll an. Im Schuh steckte ein Fuß, an dem ein Bein hing.
»Chef! Hier liegt jemand!«
Nun wurde er hastiger. Die Müllbeutel flogen hin und her. Der Gefundene musste so schnell wie möglich befreit werden. Hoffentlich kam die Hilfe nicht zu spät.
Als Zimmermann wieder nach draußen kam, stellt der Inspektor seine Arbeit vorerst ein.
»Der Mann ist tot.«
Der Kommissar bückte sich und besah sich die Leiche. Noch mehr seiner Aufmerksamkeit schenkte er aber der Feuerwerksrakete, die in der Brust des Toten steckte.
»Und die Todesursache haben wir auch schon gefunden.«

»Yeah, Feuer! Wie geil!«
Drei junge Männer, Halbstarke, vielleicht gerade mal achtzehn Jahre alt – wenn überhaupt – standen neben dem Hochhaus und störten die Löscharbeiten ganz erheblich. Bierflaschen flogen, Böller explodierten im Minutentakt und die Feuerwehrleute wurden pausenlos angepöbelt und körperlich angegangen.
»Ist ja alles schon längst vorbei.«, beschwerten sie sich. »Was lungern die Feuerlöscher dann noch hier herum? Haben die nichts Besseres zu tun? Müssen die nicht noch irgendeine Katze aus ’nem Baum holen?«
Und dann gröhlten sie wieder los. Immer wieder gerieten sie mit Polizeibeamten aneinander, die Schaulustige fernhalten sollten. Doch das gelang ihnen nur teilweise.
»Hey, Leute!«, rief der vermeintliche Redelsführer, seinen Freunden zu. »Da oben klettern zwei Spinner über den Balkon.«
Er wies mit der Hand nach oben und zeigte auf die beiden Kriminalbeamten Zimmermann und Schmidt. Die drei sahen dem Treiben zu. Als unter dem abgebrannten Müllhaufen eine Leiche zum Vorschein kam, verstummten sie.

»Der Körper ist noch warm.«, merkte der Inspektor an.
Der Kommissar schüttelte den Kopf. »Mensch Schmidt. Denken sie eigentlich gar nicht nach? Sehen sie sich verdammt noch mal um. Es hat gebrannt. Die Leiche lag unter einem brennenden Müllhaufen. Ein Wunder, dass von diesem Mann überhaupt so viel übrig geblieben ist. Dieser Körper kann nicht ausgekühlt sein.«
Er schob seinen Kollegen zur Seite. »Da sich die Feuerwerksrakete in die Brust gebohrt hat und sonst auf den ersten Blick keine weiteren Verletzungen zu sehen sind, wird der Tod trotzdem nicht lange zurück liegen. Fragt sich nur, was er hier auf dem Balkon zu suchen hatte und wie er hierher gekommen ist.«
Sie begannen, sich umzusehen. Viel war nicht zu finden. Reste der abgebrannten Müllbeutel, ein alter Plastikgartenstuhl, dem ein Bein fehlte, zerbrochene Terrakotta Blumentöpfe, ein versengtes Seil, leere Bierflaschen.
»Was sagen die Jungs von der Feuerwehr? Haben sie Angaben zum Tatort gemacht?«
Schmidt holte seinen Notizblock hervor, blätterte ein paar Seiten durch und las vor.
»Die Balkontür war verschlossen. Die Glasscheiben waren zerstört, eventuell durch die Hitze des Feuers geplatzt.«
Der Inspektor sah sich um. »Die Scherben liegen auf beiden Seiten der Tür. Das spricht für diese Theorie. Allerdings müssen die Sachverständigen noch klären, wo das Feuer ausgebrochen ist und wohin es sich ausgebreitet hat. Entweder entstand der Brand in der Wohnung oder hier.«
»Ich kann mich auch irren.«, begann Zimmermann. »Wenn ich mir das hier so ansehe, ist der Tote mit Hilfe des Seils hier hoch geklettert. Er sollte dafür sportlich genug gewesen sein. Der Alkohol wird ihn wohl auf diese dumme Idee gebracht haben. Der Fleischerhaken am Ende des Seil könnte wie ein Enterhaken genutzt worden sein. Das Bier hat er dann auf dem Balkon getrunken. Er wollte hier wohl eine Runde feiern. Am Ende hat ihn dann die Rakete getroffen. Die Frage ist nur, warum er unter und nicht auf dem Müllbeutel lag.«
Der Inspektor bekam große Augen. »Stimmt. Das ist mir gar nicht aufgefallen. Er kann nicht allein gewesen sein. Irgendwer muss den Körper unter den Beuteln versteckt haben.«
Zimmermann nickte. »Deswegen bin ich der Kommissar und sie nur Inspektor.«
Er zwinkerte und grinste. Schmidt verstand diesen Seitenhieb, wusste aber auch, dass er nicht so ernst gemeint war, wie er sich anhörte.
»Es könnte sein, dass der Feuerwerkskörper den Brand ausgelöst hat. Ich gehe aber eher davon aus, dass eine zweite Person die Leiche versteckt und den Haufen angezündet hat, um Spuren zu vernichten. Jetzt müssen wir nur noch heraus finden, wer das war.«
Die beiden standen auf. Zimmermann stützte sich mit den Armen auf der Balkonbrüstung ab und sah in die dunkle Nacht hinaus, die immer wieder von Silvesterraketen erhellt wurde. Er nutzte diesen Moment, um nachzudenken. Er versuchte, die verschiedenen Enden des Falls zueinander zu führen. Allerdings fehlten ihm dazu noch diverse Fakten.
Er sah den Feuerwehrmännern zu, wie sie ihr Equipment nach und nach in den Zeugwagen verstauten. Vier Polizeibeamte versuchten weiterhin, die Schaulustigen, von denen nicht wenige angeheitert waren, vom Schauplatz zu vertreiben.
In das Blickfeld des Kommissars kamen drei Jungspunde. Sie alle hatten ihre Handys in Händen und filmten den Einsatz. Einer machten Aufnahmen von der Feuerwehr, die anderen beiden hielten ihre Kameras auf den Balkon.
Zimmermann seufzte. Dann steckte er zwei Finger zwischen seine Zähne und pfiff laut.
Die Polizisten sahen nach oben. Auf einen Fingerzeig des Kommissars setzten sie sich in Bewegung und gingen auf die jungen Männer zu.
»Kassiert die Handys ein!«, rief Zimmermann. »Ich will mich Morgen nicht bei YouTube entdecken.«
Die Männer liefen los. Die Beamten jagten hinterher. Schon nach wenigen Metern konnten sie zuschlagen. Der Redelsführer konnte wegen seines offensichtlichen Alkoholkomsums nicht mehr richtig gerade laufen. Er stolperte über eine Bordsteinkante und zog seine Freunde mit sich auf den harten Asphalt.
»Nehmt sie zum Ausnüchtern mit auf die Wache. Wenn mir später die Videos gelöscht haben, können sie Handys zurück bekommen und nach Hause gehen. Stellt die Personalien fest und schreibt Anzeigen wegen Behinderung von Rettungsarbeiten der Feuerwehr.«

Der nächste Tag kam schneller, als es dem Kommissar lieb war. Für Schlaf war keine Zeit geblieben. Nun saß er vor seiner Tastatur und tippte mit zwei Fingern seinen Bericht in den Computer. Zumindest hatte er einen warmen Kaffee vor sich stehen.
»Die Kollegen haben die Speicher der Handys geknackt und ausgelesen. Die Videos befinden sich jetzt auf diesem Stick. Wir müssen nur die richtigen raussuchen. Dazu hab ich ihnen keine Zeit gelassen. Ich wollte damit nicht noch warten.«
Inspektor Schmidt war zur Tür herein gekommen und setzte sich neben seinen Chef.
»Schauen wir gleich rein oder später?«
Zimmermann seufzte. »Eigentlich habe ich keine Lust, mir irgendwelche Filme anzusehen.«, antwortete er. »Aber noch weniger Lust habe ich auf meinen Bericht.«
Er nahm den Stick und steckte ihn an den Computer. Ein Fenster öffnete sich. Der Kommissar klickte sich nach und nach durch die Dateien.
»Gehen sie weiter nach unten. Die Videos sind nach Datum sortiert.«
Ein Film startete.
»Das ist der Balkon von der Straße aus gefilmt. Offensichtlich vor dem Brand gefilmt. Die Männer waren schon länger vor Ort.«, kommentierte Zimmermann.
Ein Mann – der mittlerweile Verstorbene – kletterte, wie vermutet, am Seil nach oben. Auf dem Balkon angekommen, warf der die Arme hoch und gröhlte in die Nacht hinaus.
»Ich bin der König der Welt!«
»Dann sollte der König aufpassen, dass ihm der schwarze Ritter nicht sein Königreich streitig macht.«, war eine zweite Stimme zu hören, die sich hinter der Handykamera befand.
Der Bildausschnitt schwenkte herum und zeigte den Redelsführer. Er zündete eine Silvesterrakete an. Statt sie in den Boden oder in eine Sektflasche zu stecken, richtete er sie auf den Balkon. Sekunden später zischte sie durch die Luft. Ein Aufschrei war zu hören. Das Handy wurde herum geschwunden. Der Mann auf dem Balkon brach zusammen und kippte zur Seite.«
»Scheiße verdammt! Verdammte Scheiße! Man, ist das ’ne geile Scheiße!«
Die Aufnahme war zu Ende.
»Mehr brauchen wir wohl nicht.«
Der Kommissar zog den Stick aus dem Computer. »Das geht zum Staatsanwalt. Wie gut, dass die Männer schon in der Zelle sitzen. Verdammter Alkohol. Verdammt dumme Idee. Und dabei wollten sie einfach nur zu Silvester etwas auf die Kacke hauen.«
Er trank seinen Kaffee leer.
»Es fing als dummer Jungenstreich an. Dann haben sie mit der Rakete ihren Kumpel getötet. Anschließend ist mindestens einer von ihnen hinterher geklettert und hat die Leiche unter den Müllbeuteln versteckt. Der Haufen wurde angezündet, um die Beweise zu vernichten. Das Feuer hat sich also von außen nach innen ausgebreitet. Ich verstehe nur nicht, warum sie den Tatort nicht verlassen haben. Damit wären sie aus dem Schneider gewesen, wenn sie niemand gesehen hat. Offensichtlich war die Sensationslust zu groß, das Gehirn durch den Alkohol schon zu sehr vernebelt.«
Zimmermann stand auf und zog sich seinen alten, abgetragenen Mantel über.
»Und jetzt wandern sie alle für ein paar Jahre ein. Die haben sich ihr ganzes Leben versaut für ein paar Minuten Spaß und Nervenkitzel.«
Er seufzte leise.
»Ich mach dann mal Feierabend. Ich muss ins Bett.«
Er legte Inspektor Schmidt kurz die Hand auf die Schulter.
»Frohes Neues. Hat ja schon gut angefangen.«, sagte er mit einem sarkastischen Unterton, bevor er das Büro verließ.

(c) 2017, Marco Wittler