First page of the Reichsbürger archive.

Zimmermann ermittelt (32) – Republik Freies Deilinghofen [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 4. März 2017 with No Commentsas , , , , , , , , , , , , ,

Republik Freies Deilinghofen

Kommissar Zimmermann und sein Assistent Inspektor Schmidt saßen untätig in ihrem Büro. In der Regel kamen sie buchstäblich in ihrer Arbeit um. Doch heute sah es ganz anders aus. Die hohen Aktenberge waren abgearbeitet und in der gesamten Stadt blieb es erstaunlich ruhig – ungewöhnlich ruhig, wie die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt hatte.
Der Kommissar trommelte unruhig mit seinen Fingern auf dem Schreibtisch. Er unterbrach seine Tätigkeit lediglich, um sich hin und wieder einen Schluck Kaffee in die Kehle zu stürzen. Koffein war das einzige, dass ihm die Laune halbwegs über Wasser hielt. Er könnte es nämlich überhaupt nicht leiden, untätig seinen Hintern breit zu sitzen.
Schmidt hingegen gähnte im Minutentakt und feilte sich seine Fingernägel. Doch dann hielt er plötzlich inne. Er setzte sich auf und widmete sich seinem Monitor.
»Chef. Ich habe eine Mail bekommen. Es gibt Arbeit.«
»Kann nicht sein. Worum soll es denn gehen? Verkehrsunfall, weil alle Streifen bereits im Einsatz sind? Wenn wir per Mail angeschrieben werden, kann es nichts Dringendes sein. Normalerweise rufen die uns doch an, damit es schneller geht.«
»Es handelt sich aber nicht um einen Mordfall. Man hat uns einige Internetlinks geschickt. Offensichtlich gibt es hier in der Stadt einen Reichsbürger, der mittlerweile als gefährlich eingestuft wird. Wir sollen uns um das Problem kümmern und weitere Ermittlungen einleiten.«
Zimmermann sprang auf und stieß dabei seinen Kaffeebecher um. »Reichsbürger? Ich kann diesen Scheiß nicht mehr hören. Gibt es eigentlich nur noch Verrückte und Paradiesvögel in diesem Land?«
Er ging um dem Schreibtisch herum.
»Lassen sie mal sehen. Sie können das eh schneller mit dem Internet als ich.«
Schmidt klickte sich durch die Berichte der bisher ermittelnden Kollegen und rief dann einige Webseiten auf. Überall bot sich das gleiche Bild. Offensichtlich hatte ein Mann, den man durchaus als Reichsbürger klassifizieren konnte, zur Gründung der ‚Republik Freies Deilinghofen‘ und einer Abspaltung von der Bundesrepublik Deutschland aufgerufen. Mittlerweile hatte sich eine Hand voll weiterer Personen gefunden, die diesen Plan unterstützten und kurz davor waren, eine Übergangsregierung zu bilden, bis freie Wahlen stattfinden konnten.
»Die Ausrufung des ’neuen‘ Staates, die Einführung einer provisorischen Verfassung und der Aufbau von Grenzanlagen an den größeren Zufahrtsstraßen ist für Sonntag, den 26. März geplant. Am gleichen Tag wird die neue Regierung zusammen kommen und ihren Präsidenten küren.«
Zimmermann fuhr sich mit der Hand durchs schüttere Haar.
»26. März. Das sind nur noch ein paar Tage. Kein Wunder, dass die Kollegen den Fall an uns übertragen haben. Die haben die Hosen voll und wollen nachher nicht für ihre Versäumnisse den Kopf herhalten. Also schieben sie uns den schwarzen Peter zu. Eigentlich ist das eine Sache für den Verfassungsschutz.«
Er ging zur Tür, nahm seinen abgetragenen Mantel vom Garderobenständer und warf Schmidt einen auffordernden Blick zu. Dieser schüttelte aber den Kopf.
»Was haben sie vor, Chef?«
»Hinfahren, festnehmen, verhören, einkerkern und Schlüssel wegwerfen. Der einzige Weg, wie man mit diesem Pack fertig wird. Diese Typen sind so verbohrt in ihrem Hirn, dass man ihnen mit Vernunft nicht mehr kommen kann. Die akzeptieren keine Gesetze. Denen kann man sagen, was man will, sie haben ihre ‚Beweise‘, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht existiert. Davon rücken sie keinen Deut ab. Worauf warten wir noch?«
Schmidt stand noch immer nicht auf.
»Wir sollten erstmal die Fakten prüfen und schauen, welche Möglichkeiten wir haben. Wir haben noch ein paar Tage. Wenn wir einen Fehler machen, kriegen wir die Leute nicht dran.«
Zimmermann seufzte. Sein Assistent hatte mal wieder Recht. Als hängte er seinen Mantel zurück an seinen Platz und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Er warf einen Blick auf seinen Becher, der am Boden in einer braunen Pfütze lag.
»Dann besorgen sie mir wenigstens einen neuen Kaffee. Meiner ist schon wieder leer.«

Der Kommissar starrte auf seinen Monitor. Die letzten Tage hatte er seine Zeit nur noch mit Recherchen verbracht. Langweilige Arbeit, die aber hin und wieder auch erledigt werden musste. Er konnte sich nicht nur durch die Stadt fahren lassen, um Mörder und Verbrecher festzunehmen oder zu erschießen. Trotzdem konnte er sich nach all den vielen Jahrzehnten nicht daran gewöhnen, auch ein Schreibtischtäter zu sein.
Mühsam suchte er sich immer wieder einzelne Tasten zusammen, um in Suchmaschinen nach Hin- und Beweisen zu suchen, um die deilinghofer Reichsbürger dingfest zu machen.
Die Suche im Internet war leichter als gedacht. Die Gründer der neuen Republik machten aus ihrem Wirken keinen Hehl. Das Internet war voll mit Seiten und Artikeln.
Mittlerweile war auch klar, dass sie nicht allein waren. Sie hatten sich schon vor Monaten mit anderen, ähnlichen Gruppierungen aus ganz Deutschland, teilweise sogar über die Landesgrenzen hinaus. Offenbar war die Szene der unzufriedenen Bürger, die ihre Staaten nicht mehr anerkennen, wesentlich größer, als gedacht.
»Ich denke, das reicht, um gegen diese Republikgründer vorzugehen. Jetzt wird es auch Zeit zum Handeln.«
Schmidt warf einen Blick auf seinen Kalender. »Es bleibt uns auch nicht mehr viel Zeit. Morgen ist es bereits so weit.«
Zimmermann nickte.
»Wir sollten bis Morgen warten und dann zuschlagen. Dann ist sie Chance am Größten, dass wir die gesamte Gruppe auf einmal erwischen und einbuchten können. Aber zur Sicherheit sollten wir schon einmal vor Ort die Lage checken.«
Er zog sich seinen Mantel über und gab Schmidt zu verstehen, ihm zu folgen.
»Außerdem brauche ich einen frischen Becher Kaffee.«

Eine Viertelstunde später fuhren sie mit dem Dienstwagen durch die Straßen Deilinghofens. Schmidt saß hinter dem Steuer, Zimmermann nippte auf dem Beifahrersitz an seinem Kaffee. Egal, wo wie sich umsahen, sie konnten nichts über die Gründung eines neuen, illegitimen Kleinstaates finden. Auch gab es keine Hinweise darauf, dass schon Morgen Grenzbefestigungen aufgebaut werden sollten.
»Die Ruhe vor dem Sturm.«, kommentierte Zimmermann ungefragt. »Es besteht auch die berechtigte Frage, wie viele der Bürger hier im Stadtteil überhaupt Bescheid wissen und das Ganze unterstützen. So viele können es ja nicht sein.«
Sie bogen in die Pastoratstraße ein. Langsam näherten sie sich dem Wohnhaus des selbsternannten deilinghofer Präsidenten. Als das Haus in Sichtweite kam, staunten die zwei Kriminalisten nicht schlecht. An der Brüstung eines Balkons hing ein großes Banner. Auf ihm stand in großen, altdeutschen Lettern ‚Republik Freies Deilinghofen‘, flankiert von einem Dorfwappen auf der linken und einem modernen Reichsadler auf der rechten Seite.
»Es ist definitiv Zeit zum Handeln.«

Schmidt trat unsicher von einem Fuß auf den anderen, während er das Gebäude vor sich im Auge behielt. Mit Mördern und anderen Verbrechern hatten sie es oft genug zu tun bekommen. Da wusste man, worauf man sich einließ. Aber bei Reichsbürgern konnte man sich niemals sicher sein. Das Spektrum  konnte sehr breit sein. Die einen leisteten passiven Widerstand bei der Festnahme. Die anderen setzten sich mit allen Mitteln zur Wehr. Das konnte auch Schusswaffen und Explosivkörper, zum Beispiel Handgranaten, bedeuten.
Der Kommissar saß seelenruhig auf seinem Sitz. Er nippte hin und wieder an seinem Kaffee und erhöhte damit stetig seinen Koffeinspiegel. Schon bald würde er den perfekten Pegel für den bevor stehenden Einsatz erreicht haben. Sie mussten nur noch auf die Ankunft der weiteren Verschwörer und des SEK warten. Bis jetzt war der Initiator der Idee ‚Republik Freies Deilinghofen‘ allein in seiner Wohnung im ersten Stockwerk. Aber noch war es früh. Deilinghofen schlief. Ein Blick auf das Display des Wagens zeigte vier Uhr.
»Sobald die Kollegen da sind, verteilen sie sich in den umliegenden Gärten und verschanzen sich hinter allem, was als Versteck und Deckung genutzt werden kann.«, rief sich der Inspektor noch einmal laut ins Gedächtnis. »Wenn es möglich ist, werden einige Einsatzkräfte den Zugriff vom Dach aus über den Balkon durchführen. Gleichzeitig gehen die anderen durch die Wohnungstür.«
Zimmermann nickte nur. Er kannte den Plan auswendig. Er hatte ihn mit dem Einsatzleiters des SEK am Vortag besprochen.
Eine Stunde später trafen die Beamten ein und verteilten sich. Dann dauerte es bis um acht, bis die weiteren Verschwörer eintrafen. Es waren fünf junge Männer, vielleicht um die zwanzig Jahre alt, die das beobachtete Objekt betraten.
»Sechs Leute befinden sich nun in der Wohnung. Das stimmt mit der Anzahl überein, die wir über unsere Onlinerecherchen ermitteln konnten.«, sprach Schmidt in sein Headset. »Das sind die Gründungs- und selbst ernannten Regierungsmitglieder. Wir warten noch eine Viertelstunde. Dann sollten genug Beweise vorhanden sein. Ich wiederhole: Zugriff in fünfzehn Minuten.«
Die Anspannung stieg. Jeder machte sich bereit. Ein paar Scharfschützen richteten ihre Waffen auf die einzelnen Fenster der Wohnung. Jeder Versuch, sich gegen die Polizeibeamten zu wehren, sollte bereits im Keim erstickt und verhindert werden. Es durften keine Fehler passieren. Es waren in der Vergangenheit schon genug Polizisten durch Leichtsinnigkeit getötet worden. Man durfte die Reichsbürger nicht unterschätzen.
Die Minuten tickten runter. Schmidt sah immer häufiger auf das Display seiner Armbanduhr, während Zimmermann völlig unaufgeregt weiter seinen Kaffee trank.
»Fünf … vier … drei … zwei … eins … Zugriff!«
Aus mehreren Ecken sprangen Leute des SEK aus ihren Verstecken. Zwei von ihnen hielten einen Rammbock in Händen, mit dem sie auf die Haustür zustürmten. Mit wenigen, gezielten Schlägen brachen sie sie auf. Das war der Moment, in dem Zimmermann und Schmidt ebenfalls aus ihrem Wagen ausstiegen. Mit gezogenen Waffen folgten sie den Kollegen.
Ein Stockwerk höher wiederholte sich das Spiel. Die Wohnungstür wurde aus den Angeln gerissen. Der Rammbock wurde zur Seite geworfen, das SEK erstürmte die Wohnung mit schweren Waffen. Es dauerte nur Sekunden, bis alle Räume gesichert und die sechs jungen Männer gefunden wurden.
»Keine Bewegung!«, hörte Zimmermann noch auf der Treppe. Er wurde schneller. Er übersprang mehrere Stufen auf einmal. Sekunden später stand er im Wohnzimmer und sah sich sechs erschrockenen Männern gegenüber, von denen jeder einen Laptop auf dem Schoß liegen hatte.
»Wer von ihnen ist …«
Der Kommissar sah seinen Assistenten fragend an. Dieser klappte seinen Notizblock auf und blätterte kurz darin.
»Daniel Werth.«, murmelte Schmidt.
»Wer von ihnen ist Daniel Werth?«
Einer der jungen Männer sah sich unsicher um, blickte seine Kameraden an. Dann hob er vorsichtig seine zitternde Hand.
»Das bin ich.«
»Sie sind festgenommen. Das gilt auch für ihre Mitverschwörer.«
Die Reichsbürger waren verwirrt. Schon sprangen die Einsatzkräfte nach vorn, legten den Männern Handschellen an. Diese ließen sich ganz ohne Gegenwehr festnehmen. Damit war die erste Gefahr gebannt.
»Was wird uns vorgeworfen?«, wollte Daniel Werth wissen. »Wegen der roten Ampel, die ich gestern überfahren habe, kann das doch nicht sein, oder?«
»Werden sie mal nicht frech, Freundchen. Wir wissen genau, was ihr verdammten Reichsbürger hier plant. Von wegen ‚Freies Deilinghofen‘ und so. Euer verfassungswidriges Tun hat hier und jetzt ein Ende.«
Obwohl es eigentlich nicht zur Situation passte, grinsten die jungen Männer.
»Was gibt es da zu lachen?«
Zimmermann wäre nur zu gern aus der Haut gefahren. Aber er hielt dem Reiz, Ohrfeigen zu verteilen, gerade noch stand.
»Wir sind keine Reichsbürger.«, antwortete Werth. »Wir sind ein Rollenspiel Clan. Schon mal was von virtuellen Kleinstaaten gehört? Das freie Deilinghofen ist nicht echt. Es ist ein Spiel im Internet. Nichts weiter. Es hat nichts mit der Realität zu tun.«
Zimmermann und Schmidt sahen sich verwirrt an.
»Wenn sie so freundlich wären, mir die Handschellen abzunehmen, zeige ich es ihnen.«

Ein paar Minuten später war der Polizeieinsatz beendet. Am Laptop des Beschuldigten hatte sich Kommissar Schmidt zeigen lassen, dass es sich tatsächlich um ein Spiel in einer großen Online-Community handelte. Es war ein Spiel. Nichts weiter.
»Komische Spiele machen die Leute. Sowas werde ich nie verstehen.«
Er setzte sich in den Dienstwagen und ließ sich von Schmidt zurück zum Büro bringen.
»Fahren sie noch ins Zentrum. Ich brauche jetzt einen Kaffee. Ohne neuen Becher werde ich den Wagen nicht mehr verlassen.«

(c) 2017, Marco Wittler