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Zimmermann ermittelt (33) – Mädelsabend [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 23. Juli 2017 with No Commentsas , , , , , , , , , , , , , , , ,

Mädelsabend

Freitag, 28. April 2017, 22:34 Uhr
Iris verließ das Haus und trat auf die Straße. Endlich Wochenende, endlich wieder mit den Mädels tanzen gehen. Das letzte Mal, dass die gesamte Clique gemeinsam unterwegs war, lag schon viel zu weit in der Vergangenheit. Ausbildung, Studim, Familiengründungen, Auswanderung. Es hatte viele Gründe gegeben, warum die fünf Frauen sich aus den Augen verloren hatten. Jede von ihnen war einen eigenen Lebensweg gegangen. Iris war die Einzige, die Hemer nicht verlassen hatte. Doch nun, fast zehn Jahre nach bestandenem Abitur hatten sie sich in der alten Heimat verabredet. Noch einmal ohne Whattsapp oder Skype den neuesten Klatsch austauschen, noch einmal gemeinsam etwas trinken und in der Disco bis zum Morgengrauen tanzen. Ein echter Mädelsabend eben.
Iris sah auf das Display ihres Smartphones. Sie hatte noch zehn Minuten Zeit, um Geld zu holen. Normalerweise hätte sie sich in ihr Auto geschwungen und wäre, wegen der späten Zeit und der Dunkelheit, die wenigen hundert Meter bis zur Hauptstelle der Sparkasse gefahren. Aber die unerwartet milden Temperaturen nach diesem sonnigen Tag luden einfach zu einem kleinen Spaziergang ein.
Iris schrieb noch schnell eine kurze Nachricht an die anderen Mädels: Treffen uns am Stadttor. Muss nur schnell Geld holen.
Fünf Minuten, länger brauchte sie nicht. Eine Wohnung direkt in der Innenstadt hatte durchaus seine Vorteile. Iris betrat die große Vorhalle der Sparkasse und ging zielstrebig auf ihren gewohnten Automaten zu.
Sie schob ihre Karte in den Schlitz, gab die Geheimnummer ein und nahm in paar Scheine entgegen. Ein weiterer Blick auf das Handy verriet ihr, dass es Zeit wurde. Die Mädels würden wahrscheinlich schon warten.
»Jetzt bin ich doch zu spät. Wie ich das hasse.« Sie packte schnell ihr Hab und Gut in ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zum Stadttor.
»Ich hätte das Geld schon heute Nachmittag holen sollen, schließlich war ich heute arbeiten.«
Aber auch Bankangestellte sind froh, wenn sie irgendwann Feierabend haben und nicht mehr zwingend an Geld denken müssen.
Auf dem Vorplatz sah sich Iris um. Die Mädels waren bereits angekommen. Der Wagen ihrer Freundin Melanie stand hinter dem Stadttor vor einer Pizzeria, dem alten Treffpunkt. Schnell was essen und dann weiter.
Iris nahm ihre Beine in die Hände und lief so schnell es ihre High Heels zuließen. In der Dunkelheit war es gar nicht so einfach, Stürze zu vermeiden. Die Fugen zwischen den einzelnen Pflastersteinen waren nicht gut zu sehen. Aber irgendwie schaffte sie den Weg, ohne sich die Knochen zu brechen. Doch genau unter dem Stadttor stolperte Iris doch. Einer ihrer Absätze brach ab und zwang seine Trägerin damit in die Knie.
Wie in Zeitlupe fühlte es sich an. Der Boden kam Iris Zentimeter für Zentimeter näher, bis er sie schmerzlich an den Knien traf. Iris stieß einen spitzen Schrei aus und begann laut zu fluchen.
Ihre Freundinnen verließen sofort das Auto und kamen ihr entgegen.
»Ist dir was passiert?«, fragte Melanie im Lauf. »Kannst du aufstehen?«
Iris versuchte es. Aber dann war es bereits zu spät. Von einer Sekunde zur nächsten war der Schmerz, den sie in den Knien verspürte überall. Dann wurde es dunkel. Der Schmerz war fort.
Zur gleichen Zeit begannen die anderen vier Frauen zu schreien.

Freitag 28. April 2017, 23:15 Uhr
Hemer Innenstadt. Kommissar Zimmermann gähnte, als er aus seinem Wagen ausstieg. Sein Assistent Inspektor Schmidt war bereits vor Ort und wartete mit einem großen Kaffeebecher.
»Danke.«, grummelte Zimmermann, nahm den Becher entgegen und trank einen großen Schluck.
»Warum können diese Fälle nicht tagsüber geschehen? Ich lag schon im Bett und war ins Traumland unterwegs.«
Er gähnte ein weiteres Mal.
»Worum geht‘s überhaupt? Sie haben am Telefon nicht gerade viel gesagt.«
Schmidt verdrehte die Augen und seufzte.
»Liegt vielleicht daran, dass sie bereits nach einer halben Minute aufgelegt haben. Sie haben mir keine Chance gelassen, sie zu informieren.«
»Werfen sie mir das nicht vor.«, wirkte der Kommissar gekränkt. »Ich hatte noch keinen Kaffee. Was erwarten sie von mir? Ein Auto fährt schließlich auch nicht ohne Sprit.«
Sie gingen auf das hemeraner Stadttor zu. Schmidt hob das Flatterband hoch und ließ seinen Chef durch.
»Die größte der fünf Glasscheiben hat sich gelöst und ist herab gefallen. Unglücklicherweise lag zum Zeitpunkt eine gestürzte Frau genau darunter. Ihre vier Freundinnen haben alles mit ansehen müssen.«
Zimmermann ging einmal um das Tor herum und besah es sich von allen Seiten.
»Wie eine moderne Guillotine. Was für ein Künstler denkt sich bitte so etwas aus?«
»Es geht um die Lichtbrechung.«, warf der Inspektor ein. »Das soll keine Darstellung eines Mordwerkzeugs sein.«
»Am Ende ist es aber doch eines geworden.«
Zimmermann bückte sich neben die Leiche und nahm sie in Augenschein.
»Die Spitze der Scheibe hat genau den Schädel getroffen und ihn regelrecht aufgespalten. Eine grausame Art zu sterben. Noch grausamer, dabei zusehen zu müssen.«
»Es ist bereits ein Psychologe verständigt, der bald eintreffen sollte. Er wird sich um die Augenzeugen kümmern.«
Der Kommissar schüttelte den Kopf. »Schon seltsam, dass sich ausgerechnet heute Nacht eine der Scheiben löst. Wie alt ist dieses Tor?«
»Etwa zwanzig Jahre, wenn mich nicht alles täuscht.«
Zimmermann klopfte gegen das Holz. Klingt nicht morsch. Sieht auch nicht so aus. Warum ist das gerade jetzt passiert? Das stinkt doch irgendwie. Glauben sie etwa, dass es ein Unfall gewesen sein soll?«
Er wartete gar nicht erst die Antwort Schmidts ab. »Nein. Ich auch nicht. Unsere Experten sollen das Tor Stück für Stück auseinander nehmen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass da etwas faul ist und die Jungs etwas finden werden.

In der Hauptfiliale der Sparkasse war die Stimmung am nächsten Tag leise und gedämpft. Der Umstand, dass eine Kollegin gestorben war, konnte keiner der Angestellten so einfach wegstecken. Während Kommissar Zimmermann seine Ermittlungen fortsetzte und mit allen Angestellten sprach, kümmerte sich Inspektor Schmidt um die Untersuchung des Stadttors.
Zimmermann ging von Schreibtisch zu Schreibtisch. Jedes Mal, wenn gerade kein Kunde bedient wurde, schnappte er sich einen neuen Gesprächspartner, um dem Fall auf den Grund zu gehen.
Weit kam er dabei allerdings nicht. Die Verstorbene schien keine Feinde zu haben, keine Verflossenen mit denen sie im Kleinkrieg lag und keine Kollegen, von denen sie gemobbt wurde. Überall bekam der Kommissar zu hören, dass sie beliebt gewesen war.
»Es ist zum aus der Haut fahren. Wie soll man so einen Fall klären, wenn man null Anhaltspunkte bekommt. Irgendwer muss sie doch auf dem Schirm gehabt haben.«

Zur gleichen Zeit öffneten die Männer und Frauen der Spurensicherung die Verkleidung des Stadttors. Als sie den ersten Blick hinein warfen, staunten sie nicht schlecht. Schmidt stieß einen überraschten Pfiff aus.
»Was ist denn das? Das ist aber nicht von mir. Was hat das da drin zu suchen?«
Der Künstler, der Jahre zuvor das Tor entworfen und gebaut hatte, war ebenfalls vor Ort. Er war in dieser Sache der beste Experte, den man finden konnte. Nur er wusste genau, was sich alles innerhalb des Tores befinden durfte und was nicht. Und nun sah er mehrere Stahlseile, die jeweils an kleinen Servomotoren befestigt waren.
»Bloß nicht anfassen. Wir wissen nicht, was das sein soll oder wie und was es auslöst..«, warnte Schmidt.
Er besah sich die Manipulationen aus der Nähe.
»Das haben sie nicht gebaut?«
»Nein, natürlich nicht. Da drin sollte lediglich die Grundkonstruktion stehen. Ich verstehe das nicht.«
Der Inspektor holte sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer des Chefs.

»Was haben sie gesagt? Das Tor wurde manipuliert? … Seile drin?«
Zimmermann dachte kurz nach. »Machen sie die nötigen Fotos und dann lassen sie die Veränderungen demontieren. Es darf nicht noch jemand zu Schaden kommen.«
In diesem Moment brach ein Streit an der Kasse aus. Ein Kunde beschwerte sie laut bei der Angestellten hinter dem Schutzglas.
»Moment, Schmidt. Hier wird es grad laut. Ich melde mich gleich wieder.«
Er legte auf und ging zur Kasse.
»Was soll das heißen, sie haben keine Fünfer für mich? Ich habe hier gestern angestanden und wurde von ihrer unfreundlichen Kollegin abgewiesen und jetzt kommen sie mir auch nur mit Ausreden?«
Die Angestellte entschuldigte sich verlegen. »Es tut mir leid. Aber die Fünf Euro Sondermünzen sind bereits vergriffen. Ich nichts für sie tun. Vielleicht werden sie noch im Internet fündig. Die Münzen werden bestimmt bei Ebay gehandelt.«
»Und ich soll dann dort diese völlig überzogenen Preise zahlen? Sie spinnen wohl.«
Der aufgebrachte Mann nahm einen Kunststoffständer mit Flyern in die Hand und wollte diesen am Boden zerschmettern. Doch dann überlegte er es sich doch noch anders und stellte ihn wieder ab.
»Wissen sie was?«
Er begann diabolisch zu grinsen.
»Wenn sie mir nicht sofort die Münze geben, dann wird gleich jemand sterben. Und sie werden daran die alleinige Schuld tragen. Man wird sie dafür verantwortlich machen, dass gleich da draußen jemand stirbt.«
Er zückte einen kleinen schwarzen Kasten mit diversen Knöpfen, an denen er zu hantieren begann. Dann stürmte er nach draußen.
»Das glaub ich jetzt nicht.«
Zimmermann wollte nicht glauben, was er gerade gesehen und gehört hatte. Noch weniger wollte er glauben, was ihm gerade in den Sinn kam. Sofort wählte er Schmidts Nummer. Der ging nur Sekunden später an die Leitung.
»Sofort weg vom Tor. Sofort! Alle sollen aus dem Gefahrenbereich verschwinden, sonst gibt es noch mehr Tote.«
Der Kommissar lief nach draußen, um das Stadttor sehen zu können.
»Keine Sorge, Chef. Wir haben bereits die Glasscheiben fixiert und die Befestigungsseile gekappt. Kann nichts mehr …«
Und schon vielen die verbliebenen vier Glasscheiben herab und zersprangen klirrend in unzählige Bruchstücke.
Der Künstler, die Spurensicherung und der Inspektor warfen sich zur Seite.
Zimmermann rannte los. Der mutmaßliche Täter war nur wenige Meter vor ihm. Der Kommissar kratzte die wenige Kondition zusammen, die er besaß, legte noch einen Zahn zu und warf sich auf den Mann. Gemeinsam stürzten sie zu Boden.
»Verdammter Scheißkerl! Du mieses Arschloch! Wegen so einer scheiß Münze tötest du Menschen. Das hat jetzt ein Ende.«
Zimmermann hob den Arm, verpasste dem Verbrecher einen Schlag mit der Faust und schickte ihn damit vorerst ins Land der Träume.
»Schmidt? Schmidt, sind sie in Ordnung?«
Zimmermann stand wieder auf und lief die letzte Strecke bis zum Tor.
Der Inspektor lag in einem glitzernden Meer aus Glas. Unzählige Scherben hatten sich in die Haut seines Gesichts gebohrt.
»Ich bin in Ordnung.«, stöhnte der Inspektor. »Tut ganz schön weh, aber es geht schon irgendwie.«
Er mühte sich hoch und sah nach seinen Kollegen. Niemand war ernsthaft verletzt. Es ging ihnen allen gut. Mehr als Schnittwunden hatte es zum Glück nicht gegeben.
»Scheinbar gibt es auch auf der anderen Seite eine weitere Manipulation, um die Glasscheiben auszulösen. Wir hätten daran denken sollen.«
Zimmermann zwang sich zu einem Grinsen. »Dafür habe ich unseren Mörder erwischt. Er hat sich die erste Strafe bereits eingefangen.«

(c) 2017, Marco Wittler