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Zimmermann ermittelt (36) – Weihnachtsurlaub [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 6. Mai 2018 with No Commentsas , , , , , , , , , , , , , , , ,

Weihnachtsurlaub

Der Kalender stand auf dem 20. Dezember. Die Adventszeit neigte sich ihrem Ende hin und Weihnachten klopfte bereits mit voller Wucht an die Tür. Die Werbung war überfüllt mit Geschenkideen aller Art. Im Radio dudelten Last Christmas und Co. um die Wette. Die Schaufenster der Stadt waren überfüllt mit Tannengrün und bunten Kugeln. Selbst das Wetter hatte sich darauf eingestellt. Es regnete, wie in fast jedem Jahr, in Strömen. Trotzdem war die weihnachtliche Stimmung überall zu spüren.
Nein, nicht überall. Es gab doch noch eine kleine weihnachtsfreie, nüchterne Insel. Im Büro der hemeraner Kriminalpolizei fehlte es komplett an Schmuck und Kerzen. Das einzige Accessoire, das an die kommenden Feiertage erinnerte, war eine Kaffeetasse mit Christbaumaufdruck auf dem Schreibtisch von Inspektor Schmidt. Kommissar Zimmermann hingegeben saß grummelnd auf seinem Platz und brütete über einem Fall, der ihm seit Wochen Kopfzerbrechen bereitete.
»Ich verstehe das nicht. Ich ver-ste-he es wirklich nicht.«, sagte er nicht zum ersten Mal an diesem Tag und erst recht nicht zum ersten Mal seit Ende November.
Noch immer war ein kurioser Fall nicht gelöst. Ein Brief, kontaminiert mit einer unbekannten Substanz hatte vier Personen, davon drei Kollegen in Mitleidenschaft gezogen. Um was es sich am Ende gehandelt hatte, war bis heute nicht geklärt.
»Ich kann es nicht leiden, wenn ich einen Fall nicht lösen kann. Das bin ich einfach nicht gewohnt.«
Er spülte einen Schluck kalten Kaffee die Kehle herunter. Dann legte er seufzend die Akten zur Seite.
»Gibt es denn nichts anderes, womit ich mich befassen kann? Ich brauche etwas Ablenkung, muss mich mal mit einem anderen Fall beschäftigen, sonst bekomme ich den Kopf nicht frei. Ich habe langsam das Gefühl, dass ich nicht mehr klar denken kann.«
Er stand auf, ging zwei Runden um den Schreibtisch herum, trank seinen alten, abgestandenen Kaffee aus und griff schließlich zum verschlissenen Mantel an der Garderobe.
»Ich muss hier raus. Ich brauche frische Luft.«
Schon wollte er das Büro verlassen, als ihn Inspektor Schmidt aufhielt.
»Ich hätte da eine Idee.«
Zimmermann blieb stehen und drehte sich um.
»Was haben sie schon wieder vor? Ihre Art von Ideen kenne ich.«
Schmidt grinste.
»Warum nur ein paar Minuten auf die Straße gehen? Das bringt doch nichts. Sie brauchen mal ein paar Tage Urlaub.«
Zimmermann seufzte.
»Urlaub? Ich? Sie wissen doch, was ich davon halte. Ich bin nicht der Typ für Urlaub. Ich habe genug Arbeit und fahre nur ungern weg. Und der letzte Urlaub endete in einem Mordfall an meiner Nachbarin. Das brauche ich nicht noch einmal.«
»Und weil ich genau weiß, wie ungern sie fahren, sollten sie es mal mit Fliegen versuchen.«
Schmidt zog ein Ticket aus der Schublade seines Schreibtischs und hielt es dem Kommissar unter die Nase.
»Die Jungs und Mädels unten aus der Wache und ich waren der Meinung, dass sie ein wenig überarbeitet sind und hier mal raus müssen. Wir haben zusammengelegt und das Ticket gekauft. Da kein anderer von uns Zeit hat, können sie gar nicht ablehnen. Sie fliegen schon Morgen in der Früh. Es wird sie auch niemand begleiten. Sie sollen einfach mal komplett abschalten können. Keine Arbeit, keine Verbrechen, keine Morde. Einfach vierzehn Tage Entspannung pur am Ende der Welt.«
Zimmermann schluckte. Er wusste gar nicht, was er sagen sollte. Mit zittrigen Fingern sah er auf das Ticket: Weihnachtsinsel.
»Ihr seid doch verrückt. Das könnt ihr mit dem alten Mann doch nicht machen.«
»Fliegen sie hin?«, ignorierte Schmidt den letzten Satz.
»Ja, verdammt. Ich fliege. Aber nur, wenn man dort guten Kaffee bekommt. Einen Kaffee, der so schwarz ist wie der schwarze Diamant, den ich vor Jahrzehnten bei einem Fall konfiszieren durfte.«
Dann drückte er seinen Assistenten an sich und bedankte sich.

Der Flug war genau nach Zimmermanns Geschmack. Von Frankfurt/Main ging es den halben Tag lang bis nach Singapur. Die Sitze waren klein, der Fußraum eng. Der Blick auf die Fenster war durch andere Reisende versperrt, der Kaffee miserabel und seine Sitznachbarin laut und unverschämt – die perfekten Voraussetzungen, zu grummeln und sich innerlich aufzuregen. Es konnte gar nicht besser laufen.
Nach einem eintägigen Aufenthalt in der Millionenmetropole ging es dann in einem Airbus A320 weiter zur Weihnachtsinsel. Trotz der rund 200 vorhandenen Sitzplätze waren nur etwa 30 von ihnen besetzt. Das hatte zumindest den Vorteil, dass der Kommissar sich eine Sitzreihe für sich allein aussuchen konnte und mehrere Meter von seiner Nachbarin vom Vortag entfernt war. Er konnte sich das dauernde Gemecker einfach nicht mehr anhören. Er selbst war zwar auch nicht gerade die gute Laune in Person, aber diese Frau übertraf selbst ihn. Er hoffte einfach nur, dass sie nicht im selben Ressort untergebracht war.
Irgendwann informierte sich Zimmermann bei der Stewardess, warum der Flieger so leer war und erfuhr, dass die Weihnachtsinsel bisher nicht für größeren Massentourismus erschlossen war, über wenige und kaum erreichbare Strände verfügte und die wenigen Einwohner sich um tausende Urlauber gar nicht kümmern konnten. Ein großes Flugzeug brauchte es trotzdem, da eine nicht unbeträchtliche Menge an Gütern und Lebensmitteln auf die Insel gebracht werden mussten. Der Frachtraum des Airbus war also bis an die Decke gefüllt.

Irgendwann stand Zimmermann müde in einer kleinen Suite. Nur zu gern hätte er sich gleich aufs Bett fallen lassen, um einige Stunden zu schlafen. Aber er war bereits über den Punkt hinweg und spürte, dass er die nächsten Stunden nicht zur Ruhe kommen würde. Also zog er sich eine kurze Hose und ein Shirt an, um sich ein wenig umzusehen. Dann machte er sich auf den Weg zum nahen Strand in einer kleinen Bucht.
Ein kurzer Weg, der zu beiden Seiten von dichtem Urwald begrenzt wurde, führte zum Ozean. Der Kommissar genoss die nicht vorhandene Ruhe. Ruhe, weil es keinen Zivilisationslärm gab und Unruhe, weil die Natur um ihn herum alles andere als leise war.
Ein paar Minuten später wurde der Weg breiter und der Strand begann. Ein herrlicher Blick war das. Doch dieser währte nur kurz. Dann holte die Realität Zimmermann zurück in die Realität. Der Kommissar in ihm wurde mit aller Gewalt an die Oberfläche seines Ichs gezerrt. Vor ihm in Sand lag eine Leiche.

»Hat man denn nirgendwo seine Ruhe? Muss ich eigentlich überall auf Tote treffen?«
Zimmermann seufzte theatralisch. In seinem Innern begann es aber zu kribbeln. Hatte er sich während des Flugs zur Weihnachtsinsel noch Gedanken gemacht, womit er sich im Urlaub die Zeit vertreiben müsste, wusste er es jetzt ganz genau. Er hatte eine Aufgabe gefunden.
»Ich brauche Unterstützung.«
Er suchte nach seinem Handy und geriet ins Stocken. »Verdammt. Wie ist hier die Nummer der Polizei?« Er zuckte mit den Schultern und rief einfach seinen Kollegen an.
»Schmidt, es ist was passiert. Das Übliche. Sie kennen das ja. Ich weiß allerdings nicht, wie ich hier jemanden telefonisch erreiche. Das müssen sie für mich erledigen. Ich kann den Tatort nicht verlassen. Und wenn sie schon dabei sind, kümmern sie sich bitte darum, dass mir dann auch gleich jemand einen Kaffee mitbringt, einen großen Becher voll, richtig schön schwarz, so schwarz wie der Messergriff, der aus der Leiche hervorsteht.«
Dann legte er auf und besah sich alles ganz genau – so genau, wie es die Situation zuließ. Immerhin war er auf der Weihnachtsinsel nicht zuständig und wollte keinen Ärger riskieren. Trotzdem kribbelte es in den Fingern, sich neben seinem Fund niederzulassen und die Ermittlungen aufzunehmen.

Eine halbe Stunde später kamen sie zu zweit den Weg zum Strand herunter. Zwei Männer in T-Shirts und kurzen Hosen. Lediglich der Aufdruck ‚Christmas Police‘ wies sie als das aus, was sie waren. Zusätzlich hielten sie dem Kommissar aber noch ihre Dienstmarken unter die Nase.
»Wir waren sehr überrascht über einen Anruf einer deutschen Dienststelle und hielten es erst für einen schlechten Scherz. Der Wunsch nach einem Kaffee hat unsere Vermutung noch unterstrichen. Aber wie es aussieht, hatte der Kollege Recht.«
Einer der Beiden übergab dem Kommissar einen großen Becher Kaffee.
»Ist das alles? Zwei Leute? Was ist mit der Spurensicherung, Streifenpolizisten, die den Tatort absperren und dem Pathologen?« (Anmerkung des Autors: Die Gespräche, die auf der zu Australien gehörenden Weihnachtsinsel, werden natürlich in englischer Sprache geführt. Zum besseren Verständnis sind sie aber direkt ins Deutsche übersetzt.)
In einem schwer verständlichen Englisch, mit starkem chinesischen Akzent, bekam er schließlich seine Antworten.
»Wir sind hier nicht viele Menschen. Es gibt hier nur rund 2000 Insulaner und ein paar Touristen. Wir haben nur selten mit Tötungsdelikten zu tun. Was können sie uns zum Tathergang berichten? Was haben sie gesehen?«
Zimmermann seufzte. Er hatte es offensichtlich mit blutigen Anfängern zu tun. Kurz umriss er seinen Spaziergang zum Strand und das die Leiche bereits vor Ort gelegen hatte.
»Meiner Meinung nach handelt es sich um einen europäischen Touristen. Es deutet sogar sehr viel darauf hin, dass es sich um einen meiner Landsleute handelt, er ist – war – Deutscher.«
Die Polizisten sahen sich verwirrt an.
»Haben sie die Leiche angefasst und den Tatort kontaminiert?«
Zimmermann lachte und wies die Kollegen auf das Offensichtliche hin.
»Der Mann trägt unter seinem Hawaiihemd ein Feinrippunterhemd und Socken in den Sandalen. Das machen nur Deutsche Touristen. So was gibt sonst nirgendwo.«
»Sie scheinen viel Ahnung zu haben. Würden sie sich bitte bereit halten, falls wir weitere Fragen haben?«
Zimmermann nickte. Die Insulaner gingen langsam auf den Tatort zu und hockten sich links und rechts der Leiche in den Sand.
Sie wollten den Toten umdrehen, als sich der Kommissar räusperte. »Handschuhe!«, flüsterte er.
Ohne weiter auf ihn zu achten, griffen sie in ihre Hosentaschen und holten weiße Stoffhandschuhe hervor, die sie anzogen.
Zimmermann seufzte. Arbeiteten die beiden etwa nebenher als Kellner?
Sie drehten die Leiche vorsichtig zur Seite, ohne weiter auf das Messer im Rücken zu achten. Sie suchten nach Papieren, die sie in der Hemdtasche fanden. Der Ausweis brachte den ersten Beweis: Der Tote war deutscher Staatsbürger.
»Sie haben ein gutes Auge.«, bestätigte der Polizist.
»Dann werden wir jetzt einen Krankenwagen rufen und darauf warten, dass der Tote abgeholt wird. Ich glaube nicht, dass wir den Täter finden werden. Es gibt viel zu wenig Hinweise.«
Der Polizist sah auf seine Uhr.
»Außerdem haben wir nicht mehr so viel Zeit.«
Sie standen auf und holten ihre Handys aus den Taschen. Das Schreiben von Nachrichten schien nun wichtiger zu sein.
»Mensch, Leute – Kollegen – das kann es doch nicht sein. Ihr seid Polizisten. Es ist eure Aufgabe, einem Täter das Handwerk zu legen. Das kann doch nicht so schwer sein.«
Er ließ sich eines der Handschuhpaare geben und kniete sich nun selbst neben die Leiche. Er nahm noch einen großen Schluck Kaffee zu sich, bevor er den Becher in den Sand stellte.
»Mit Koffein läuft die Maschine einfach besser.«
Dann nahm er alles genau unter die Lupe und erklärte den Kollegen, was er sah und sie außer Acht gelassen hatten.
»Das Messer steckt in Höhe des Herzens im Rücken. Nach dem Griff zu urteilen ist die Klinge aber nicht lang genug, um auch bis in lebensgefährliche Bereiche vorzudringen. Außerdem ist keine größere Menge Blut ausgetreten. Diese Verletzung wurde also erst nach dem Tod begangen. Die Todesursache muss eine andere gewesen sein.«
Er drehte den Toten vorsichtig um. Unter der Brust lag die rechte Hand, die unnatürlich zur Faust verkrampft war.
»Die Finger sind steif, lassen sich kaum bewegen. Die Totenstarre hat bereits eingesetzt. Sein Kiefer ist allerdings beweglich. Er wird also ungefähr seit zwei bis drei Stunden tot sein.«
Mit Mühe öffnete er jeden einzelnen Finger der Faust. Im Innern fand er einen goldenen Ring. Er nahm ihn an sich und genau unter die Lupe.
»23.12.1977 – Michaela. Das ist sein Ehering. Die Frage ist nur, warum hat er ihn in der Hand und nicht am Finger. Er muss ihn kurz zuvor getragen haben, denn der Abdruck am Ringfinger ist noch sichtbar. Allein schon wegen der Sonnenbräune. Der Fall wird immer mysteriöser.«

Was hatte sich da unten am Strand abgespielt? Welches Drama war geschehen? Warum musste der Mann sterben. Und überhaupt – woran war er gestorben?
Bis jetzt fehlte jede Information, die den Kommissar bei seinen Ermittlungen weiter bringen würden. Der Tote war mittlerweile in das Indian Ocean Territories Health Service Krankenhaus im Inneren der Insel transportiert worden. Dort kümmerte sich ein Arzt um die Obduktion. Aber wie das nun mal in kleinen Provinznestern so war, die Mühlen mahlten langsam, die Ergebnisse ließen auf sich warten. Zimmermann saß währenddessen auf einer kleinen Terrasse, sah unruhig auf den Ozean hinaus und trommelte pausenlos mit den Fingern auf dem Tisch.
Einige Stunden später, die Sonne versank gerade zischend im Wasser, klingelte das Handy. Der Kommissar griff sofort zu und nahm das Gespräch entgegen.
»Na endlich. Ich dachte schon, sie wollten mich ewig warten lassen.«
Es war einer der beiden Polizisten, mit dem er vor zwei Tagen den Tatort gesichert und untersucht hatte.
»Was hat die Obduktion ergeben? Wissen sie, woran der Mann gestorben ist?«
Er hörte eine Weile zu, nickte hin und wieder oder bestätigte das Gehörte mit einem leisen ‚hm‘.
»Und sie sind sich wirklich sicher? In Ordnung. Ich melde mich bald wieder. Ich muss jetzt erstmal darüber nachdenken.«
Er stand von seinem Sessel auf, ging in sein Zimmer und wählte die Nummer des Services.
»Zimmermann hier. Ich brauche jetzt einen großen Pott schwarzen Kaffee, aber auf keinen Fall mit Milch oder Zucker strecken. Er sollte stark und schwarz sein, so schwarz wie der Mantel von Ferdinand Friedlieb Runge. … Was? Sie wissen nicht, wer das ist? Er ist der Entdecker des Koffeins, dem wichtigsten Stoff der Welt, der Stoff, der meine Denkmaschine schmiert, ohne den mein Hirn nicht richtig funktioniert.«
Bis das heiße Gebräu vor ihm stand, nutzte der Kommissar die Zeit, seine rechte Hand anzurufen.
»Hier Zimmermann. Ich brauche ihre Meinung. Der Arzt hat die Leiche mittlerweile untersucht. Er ist an einem Herzinfarkt gestorben. Ganz einfach so. Er war schon ein paar Minuten nicht mehr unter den Lebenden, als auf ihn eingestochen wurde. Wir ermitteln hier also nicht mehr wegen Mordes, sondern nur noch wegen Leichenfledderei, Störung der Totenruhe oder was auch immer hier auf der Insel strafrechtlich verfolgt werden kann. Haben sie in der Zwischenzeit schon ihren Computer genutzt, um die Identität zu klären? Der Ring und die Schreibweise deuteten auf ein Opfer aus dem deutschen Sprachraum hin. Irgendwer muss hierher geflogen und nicht wieder zurück gekommen sein. Oder hat sich jemand mit dem Namen der Ehefrau gefunden?«
»Ich bin tatsächlich in dem Fall weiter gekommen. Der Mann heißt Bernd Majowski und stammt aus der Nähe von Frankfurt / Main. Er ist vor zwei Wochen mit einem One Way Ticket auf die Insel gekommen. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört und gesehen. Aus diesem Grund hat seine Frau Nachforschungen angestellt und ist ihm hinterher. Sie werden nicht glauben, was ich im Zuge dessen Überraschendes festgestellt habe.«

Eine Stunde später waren die beiden Inselpolizisten im Resort eingetroffen. Zu dritt standen sie nun vor der Tür einer weiteren Suite. Zimmermann fuhr sich noch einmal mit der Hand durch seine spärlichen, fettigen Haare, warf seine gerade noch brennende Kippe in die restliche Pfütze seines Kaffeebechers und entsorgte alles zusammen auf dem Flurboden.
Dann klopfte er. Sie warteten eine Weile, es tat sich aber nichts.
»Entweder sie ist nicht da oder sie will uns nicht rein lassen.«
Der Kommissar klopfte ein weiteres Mal. Als Antwort hörten sie Geräusche aus dem Inneren. Ein Stuhl fiel um, hektische Bewegungen trugen eine Person durch den Raum, ein Fenster wurde geöffnet.
»Verdammt! Sie haut ab. Los! Nach Hinten!«
Sie setzten sich in Bewegung. Die Polizisten waren schon einen Moment hinter der ersten Gebäudeecke verschwunden. Nur Sekunden später öffnete sich die Tür. Der Kopf einer älteren Frau schob sich langsam nach draußen und sah vorsichtig nach links und rechts. Dann trat sie, ihre Handtasche umklammernd, auf den Flur. Es war die unverschämte Frau, die mit dem Kommissar gemeinsam im Flieger gesessen hatte.
»Ich bin nicht so dumm, wie sie sich das vielleicht gedacht haben.«, sagte Zimmermann in einem ganz ruhigen und sachlichen Ton, während er hinter einem Busch und seinem Topf hervor kam.
Die Frau seufzte. Sie schloss die Tür hinter sich und rutschte langsam an ihr herab, bis sie gebrochen auf dem Boden in sich zusammen sackte und sitzen blieb.
Zimmermann setzte sich zu ihr und starrte ins Leere, als er sie ansprach.
»Warum das alles? Was ist passiert?«
»Er ist vor ein paar Monaten in Rente gegangen, war seitdem fast nur zu Hause. Wir haben uns gegenseitig nur noch angezickt und angebrüllt. Irgendwann hat er es nicht mehr ausgehalten und ist abgehauen. Hat mir nicht mal was gesagt. Ich kam eines Tages nach Hause und er war fort.«
»Und dann haben sie ihn hier auf der Insel gefunden?«
»Ja, am Strand. Ich habe ihn beobachtet, wie er seinen Ehering abnahm und ihn in den Ozean werfen wollte. Da habe ich ihn angesprochen. Und dann starb er von einer Sekunde zur anderen vor meinen Augen. Er ist also ein zweites Mal vor mir abgehauen, der Mistkerl.«
»Und deswegen haben sie ihn zusätzlich erstochen?«
»Ich wollte ihn so oder so töten. Er hat mich nicht umsonst verlassen. Aber selbst diese Genugtuung hat er mir nicht vergönnt. Trotzdem habe ich es durchgezogen. Und es hat so gut getan. Das können sie mir glauben.«
Zimmermann nickte nur.
In diesem Moment kamen die zwei Polizisten zurück. Sie ließen sich die Situation erklären und nahmen die Frau fest.
»Ich glaube, es wird Zeit für einen neuen Kaffee. Und dann will ich mal hoffen, dass der Rest des Urlaubs ruhiger verläuft.«

(c) 2017, Marco Wittler